Der Schrank, der aufs Meer wollte

Ein Kleiderschrank aus Massivholz trägt ein Geheimnis in sich — handgeschrieben, in leuchtendem Rot, für alle, die es wagen, die Türen zu öffnen.

Goethes Galerie  ·  Stücke mit Geschichte

Es gibt Möbel, die schweigen. Und es gibt solche, die sprechen — leise, aber unaufhörlich, sobald man nur nah genug herantritt. Dieser Schrank hier gehört zur zweiten Art.

Von außen ist er schneeweißes Massivholz, schlicht und würdevoll, wie ein alter Kapitän in Sonntagskleidung. Die rotlackierten Beschläge — ornamental, ein wenig kühn — deuten an, dass da innen etwas mehr steckt als bloße Kleiderstangen und stille Dunkelheit. Und dann öffnet man die Türen.

Der Innenraum brennt. Tief, satt, blutrotes Holz. Und in weißer Handschrift, sanft geschwungen, die Geschichte eines Abenteuers, das längst vergessen schien.

Aus dem Inneren des Schrankes — handgeschrieben

Er stemmte die Hände in seine Hüften, und da er mich nicht unfreundlich ansah, sprach ich ihn an. »Where are ya goin' to?«

Er antwortete in einem unbekannten Idiom, einer Mischung aus Englisch, Deutsch und Niederländisch.

»Wo dat hin geit? In sos Weeken sin wi in Madagaskar!«
»So so! Madagaskar!«
»Da geit dot erst mol rüber nach Afrika, do krieg wi Lodung for dat Mittelmeer, Stückgout, Maschinentele!«

Ich fragte das Männchen, ob genug Leute an Bord waren.
»Ick bruck noch Lüt!«

Ohne lange zu überlegen, gab ich an, ein kräftiger, arbeitsamer Matrose zu sein. Ob ich noch anheuern könne?
»Morgen freu, clock negen, geit dat los.«
»Und was machen Sie in Madagaskar?«
»Wenn wi dor sind, gif dat neue Order.«

Das klang nicht schlecht. Wozu noch lange warten?
»Gut!«

Ich lief auf das zitternde Schiff und ließ mich einweisen. Der Boden unter meinen Füßen schwankte.
Aber am nächsten Tag war ich auf hoher See.

Wer hat das geschrieben? Ein Künstler, der den Schrank zu seiner Leinwand machte? Ein Träumer, der einmal selbst anheuern wollte und es nie tat? Wir wissen es nicht — und vielleicht macht gerade das den Reiz aus. Das Möbel schweigt über seinen Schöpfer, aber es flüstert seine Geschichte jedem, der hineinschaut.

Die Sprache des Textes ist kein gewöhnliches Deutsch. Es ist ein altes Niederelbisches Kreolisch — das sogenannte Missingsch oder Hafendeutsch —, wie es in den Häfen Hamburgs, Antwerpens und Amsterdams gesprochen wurde, in Kneipen und auf Decks, von Männern mit schwieligen Händen und salziger Kleidung. »Ick bruck noch Lüt« — ich brauche noch Leute. Die Sprache der Abenteurer.

Der Schrank selbst ist Massivholz, gefertigt wohl zwischen 1920 und 1940. Außen weiß, innen rot: eine Farbgebung, die an nordische Schiffsinterieure, an Kabinen und Maschinenräume erinnert. Die schweren, ornamentalen Beschläge in tiefem Bordeauxrot wurden ihm wohl später verpasst — ebenso die Rollen, auf denen er seither gleitet, leichtfüßig wie ein Schiff, das den Hafen verlässt.

Er hat Gebrauchsspuren. Natürlich. Ein Schrank mit einer solchen Geschichte sollte keine makellose Oberfläche haben. Die kleinen Kratzer und Abriebe sind keine Mängel — sie sind Belege. Beweise dafür, dass dieses Stück gelebt hat.

Entstehung
ca. 1920–1940
Material
Massivholz
Farbe
Außen weiß, innen rot
Besonderheit
Handgeschriebenes Matrosentagebuch

Dieser Schrank sucht einen neuen Hafen. Einen Raum, der groß genug ist für seine Geschichte. Ein Schlafzimmer, ein Atelier, einen Flur — irgendwo, wo Menschen morgens die Türen öffnen und kurz innehalten, um zu lesen: Aber am nächsten Tag war ich auf hoher See.

Und vielleicht — für einen Moment — spüren sie das Schaukeln des Bodens unter ihren Füßen.

»Das klang nicht schlecht. Wozu noch lange warten?«

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